Mittwoch, 25. November 2015

Es kribbelt in den Zehen

Es ist November, ein Monat, in dem sich in Calgary und Umgebung schon die ersten Winterzeichen bemerkbar machen. Der erste schwere Schneefall in den Bergen, die Flüsse und Seen bekommen ihren ersten Eisrand und noch bevor man sich versieht, ist die Landschaft innerhalb von ein paar Wochen mit einer "Winterdecke" aus Eis und Schnee bedeckt.

An den letzten beiden Wochenenden hatten wir das Glück, den im Winter oft auftauchenden Chinook zu haben. Hier ein kurzer Ausflug in die Schule:

Chinook:
Ein Phänomen, welches die Kanada-Urlauber nicht miterleben, da dieses hauptsächlich in den Wintermonaten vorkommt. Es sieht aus wie Wolken, aber bringt kein Regen oder Schnee. Es ist ein stationäres Wolkenband, das stundenlang an der gleichen Stelle hängen kann.

Um es in einfacher Kindersprache zu erklären: Die feuchten Winde vom Pazifik müssen die Rocky Mountains überqueren und müssen hoch steigen. Beim Anstieg verlieren sie die Feuchtigkeit indem es auf der westlichen Seite der Rockies regnet. Übrig bleiben die trockenen Winde, die sich auf unserer Seite (östlichen Seite) der Rocky Mountains beim „Abstieg“ ins Tal erwärmen.

Diese Winde können innerhalb von Stunden die Temperatur drastisch erhöhen (z.B. von -20 auf +20) und den Schnee schmelzen lassen. Die Indianer haben diese Winde „Chinook“ genannt, was übersetzt „Schneefresser“ bedeutet.


An beiden Wochenenden hatten wir etwa +8 Grad und Sonnenschein. Nur zwei Tage davor gab es in Banff einen heftigen Schneefall, der aber am Wochenende vom Chinook von den Bäumen "gefressen" wurde.  

Es kribbelte in den Zehen, denn sie wollten endlich die neuen Stiefel ausprobieren, die ich mir ein paar Tage davor gekauft hatte. 

Die anderen Stiefel (Harrys und meine) wurden leider zusammen mit Harrys ganzer Winterkleidung bei einem Einbruch in unserem Kellerabteil gestohlen. Aber das ist eine andere Geschichte.


JETZT hatten die Zehen und die Stiefel die Gelegenheit dazu, sich im Schnee zu tummeln. 

Wir fuhren zuerst nach Banff und Umgebung, um die Landschaft und die warme Sonne bei kleinen Spaziergängen zu genießen. Bilder zum ersten Trip (wenn ihr auf die Bilder klickt, werden sie klarer):

Es war so warm, dass es immer noch von den Bäumen tropfte.

Der erste Stopp war der Johnson Lake. Zu unserer Überraschung, war er schon fast ganz zugefroren.
Der Two Jack Lake hatte aber noch fast keine Spur von Eis, obwohl er nur ein paar Kilometer vom Johnson Lake entfernt liegt. Der Grund muss wohl seine Größe sein.






Ein paar Kilometer weiter dann der Lake Minnewanka, der mit seinen 28km Länge viel, viel größer ist, und auch hier im November noch keine Anzeichen zeigte, dass er bald zufriert.

Lake Minnewanka
Da noch etwas Zeit war, fuhren wir noch kurz den Bow Valley Parkway und ich habe euch diesen Schnappschuss mitgebracht.


Und beim Auffahren auf die Autobahn bei Castle Mountain hielten wir kurz, gingen durch einen Zaun an den Fluss und versanken im saubersten Schnee, den ich diese Saison gesehen habe.

Es war ganz und gar nicht kalt. Das sieht man an der Kleidung. Keine Jacke oder Mütze nötig.
...nur um dieses Foto zu schießen...

Auf dem Heimweg mussten wir unbedingt einen Halt an den Vermillion Lakes machen, da es ein beliebter Spot für Sonnenuntergänge ist. Man weiß nie, was einen jeden Abend dort erwartet. Leider gab es im Westen dicke Wolken und bedeckten die Sonne, deshalb nur ein Foto bevor die Sonne unterging und die Landschaft mit Dunkelheit umhüllte. Auch die Vermillion Lakes waren fast zugefroren.

Vermillion Lakes

Unser zweiter Trip am letzten Wochenende führte uns nur ins Kananaskis Gebiet, ein Gebiet, das bei den meisten Touristen außer Acht gelassen wird. Erster Stopp war der Barrier Lake, ein See, der im Sommer einem Karibik-Traum gleicht. Er war dabei, sich mit der Eisschicht zu bedecken, aber der starke Wind bewegte die Wasseroberfläche viel zu sehr und zerbrach die Eisstücke. Hier ein paar Bilder vom Spaziergang am Rande des Sees.

Barrier Lake

Barrier Lake

Barrier Lake

Eisbedeckter Baumstamm am Ufer des Barrier Lake.

Und die Wurzeln dazu
Ein Picknick gefällig? An manchen Stellen konnte man sehen, dass die Sonne nicht genug Kraft hatte, den Schnee zu räumen.
Es ging dann weiter zu den "Troll Falls"

Der Wanderweg ist nur 1.4km lang und der Parkplatz dazu ist nicht mit "Troll Falls" ausgeschildert, und man kann deshalb vorbei fahren. Wenn man Richtung Skigebiet fährt, geht eine Auffahrt zum Kananaskis Village hoch. Daran vorbei fahren und nur wenige Meter rechts ist der Parkplatz.

Der Weg dahin war angenehm zu laufen, denn er war gut geräumt.

Oooooch, dieser saubere Schnee...

Eine kurze Strecke ging es durch den Schnee...
...der aber nicht tief war.
In der Nähe der Troll Falls fand ich mich dann im Winterwunderland wieder.... In dieser Ecke war es schattig und die Sonne hatte keine Chance. Die Bäume hingen noch voll vom Schnee.



Die Troll Falls gehörten nur uns, denn es war keiner mehr dort. Wir standen nur rum und genossen das Plätschern des Wassers.

Rechts und links vom Wasserfall hatte sich schon eine Eisschicht gebildet, aber in der Mitte lief noch das Wasser hinunter. Glaubt mir, in Wirklichkeit ist es magisch. Und später im Winter wird er rundherum zugefroren sein, aber das Wasser wird wie durch ein Rohr fließen.
Wenn man links am Wasserfall hoch läuft steht man in einer Höhle voller Eiszapfen. 


Auf dem Heimweg dann, stoppten wir nochmal an einem Fluss für ein Foto und am Barrier Lake, um den Sonnenuntergang zu beobachten. In den Bergen kann es im Winter sehr schnell dunkel werden. Und mit der Dunkelheit kommt die klirrende Kälte, die diese Landschaft mit Eis umhüllt.


Barrier Lake

Barrier Lake

 


Es waren zwei tolle Tage, die ich mit Harry in Zweisamkeit verbringen konnte. 
Und hier noch einer der Gründe, warum wir es hier in unserer Gegend mögen: 
Calgary ist die sonnigste Stadt  in ganz Kanada. Und diese Wetter-Vorhersage für die nächsten Tage beweist es mal wieder, dass die Statistik nicht lügt. 

Ebenso könnt ihr an den Temperaturen sehen, dass noch lange kein Winter ist. Die kalten Tage kommen erst im Januar. 







Wir senden hiermit sonnige, winterliche Grüße in die Welt...
...besonders an unsere Familien in Deutschland... 
Es geht uns gut, und wir vermissen euch.

Donnerstag, 5. November 2015

USA-Trip mit Harry

Puh, es wird mal wieder ein langer Bericht. Viel Spaß beim Lesen.
Durch die Windschutzscheibe und Seitenscheibe von Harrys Truck konnte ich Mitte Oktober wieder einen Einblick in das Leben eines Truckers nehmen. Dieses Mal nicht nur ein paar Tage, sondern 12 Tage lang und insgesamt 9000km. Es war eine Reise, die ich mit dem PKW nicht gemacht hätte, also war es sehr verlockend, diese vielen Kilometer und das lange Sitzen auf mich zu nehmen.

Harry's Ladung: Eine Box, die mit einem Fluch belegt war.


Diese Ladung sollte eigentlich schon vor 4 Wochen nach Georgia transportiert werden. Aber irgend etwas war los und die Lieferfirma brauchte 4 Wochen lang Vorbereitung.

Jetzt war es soweit und Harry sollte diese am Samstag mit nach Georgia nehmen. Das oversize-permit für die Highways in North Dakota waren aber erst ab Montag genehmigt.

Nebenanmerkung: Harry brauchte aufgrund seiner Ladung, die wegen 15cm auf jeder Seite herausragte eine Erlaubnis von allen Bundesstaaten, die er durch fährt. Auf dieser Tour also sieben, ja sieben permits.... In diesen permits wird die Route vorgeschrieben und Fahrverbote mitgeteilt. Ein Fahrverbot wäre z.B. in den Bundesstaaten Illinois, Tennesse und Georgia durfte Harry nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fahren. Nicht in der Nacht oder Dunkelheit.

Also Start auf den Sonntag verschoben. Sonntag früh bei Sonnenaufgang los in die Firma.


Sonntag dann beim pre-trip (also das Checken des Trucks auf Fahrtüchtigkeit) ergab sich ein Problem in der hinteren Achse. Mechaniker angerufen - keiner hebt ab. Dispatch angerufen - kann Mechaniker auch nicht erreichen... Nach drei Stunden sagte der Dispatch "Go home" und wir fuhren wieder heim. Also Abfahrt auf Montag verschoben...

Montag war aber alles ok und wir konnten los - mit 2 Tagen Verspätung.
Ich habe hier nur den Start dieser Box-Reise erwähnt. Unterwegs hatte diese Box auch soviel Ärgernis verursacht, aber darüber zu erzählen würde viel zuviel Zeit in Anspruch nehmen, und wir waren endlich froh, als wir sie los wurden. 

Überwältigt von so vielen Anzeigen und Knöpfen.... Aber Harry ist ja auch überwältigt von den vielen Software-Programmen auf meinem Laptop... also, jedem das Seine...

Wir haben verschiedene Provinzen und Staaten durchfahren, durch verschiedene Landschaftsbilder mit Prärie und dann über die Appalachen bis an den endlos weiten Atlantik.

Wir haben verschiedene Zeitzonen erlebt und mussten deswegen zu unmöglichen Zeiten aufstehen. Am frühesten war es 3:45 Uhr, als der Wecker klingelte. Nur zu gut, dass sich hinten in der Koje ein Bett befindet, das man jederzeit benutzen kann. Nach dem Toilettengang am Morgen bin ich meistens nochmal ins Bett gehüpft während Harry noch im Dunkeln ohne Murren und Knurren seinen Job machte. Jeden Tag die erlaubte Zeit ausgenutzt und meistens 11 Stunden gefahren. Auf dem Rückweg hatten wir ja keine vorgeschriebene Route.

Wetterzonen mit Sonne, Regen, Schnee, schwüle kaum auszuhaltende Hitze und unterschiedliche Temperaturen von 30 Grad, die innerhalb von 3 Tagen auf dem Trip auf hässliche 3 Grad fielen, machten uns nichts aus. Bei vielen Sachen hätte ich gerne angehalten und die Attraktion besucht, aber immer wieder musste ich mir einreden, ich war nur Passagier auf einem Arbeits-Trip. Es war kein Urlaub.

Je weiter Richtung Süden, desto bunter

Was mir besonders gefallen hat war die Fahrt durch die bergige und waldige Landschaft der Appalachen wo der Herbst auch noch Ende Oktober in vollem Gange war. Bunte Farben an den Bäumen egal wohin man nur sah. (Alle folgenden Fotos sind Schnappschüsse durch die Fenster und wurden während der Fahrt gemacht)

Durch die Appalachen

Appalachen

Heute regnete es - Appalachen

Appalachen

Handy-Foto während der Fahrt

Handy-Foto

Handy-Foto irgendwo auf dem Trip
Kurze Pause - Eine tolle Front einer Tankstelle.

Harte Strafen in einer Baustelle in Idaho. Wenn man einen Bauarbeiter anfährt, kostet es $10,000 und 14 Jahre Knast.

Traumpreise fürs Benzin. Umgerechnet 0,63 kanadische Dollar oder 0,44 Euro pro Liter

Bekannte Städte unterwegs und Country-Musik im Radio
Und natürlich der Alptraum eines jeden Fahrers. Stau in den Großstädten.
Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich einen echten Diner.

Ich liebe die Innenausstattung!


Ebenso haben mich die tollen Rastplätze entlang der Autobahn beeindruckt. Sehr sauber und schön zwischen Bäumen gelegen. Im Bundesstaat Iowa gab es sogar kostenloses Internet auf den Rastplätzen, das gab es sonst nirgends.

Auf jeden Fall hatte ich es als Frau auf den Truck Stops sehr bequem. Da es nicht soviele Trucker-Frauen als -Männer gibt, fand ich in der Trucker-Lounge der Truck Stops immer sehr saubere Toiletten vor.

Was mir sehr zu schaffen gemacht und echt schockiert hat, war die Unfreundlichkeit der Südstaaten. Besonders in Georgia waren die Menschen sehr egoistisch und stur auf der Autobahn. Harry hatte nirgends solche Schwierigkeiten, mit seinem Truck irgendwo einzuscheren. Keiner gab ihm Freiraum sondern gab Gas oder blieb stur… 

So schlimm hier als Besipiel: Harry ist immer so nett und macht jedem Truck Platz, der auf der Beschleunigungsspur auf die Autobahn einfahren möchte, also zieht er auf die linke Fahrspur, um dem Truck das Auffahren auf die Autobahn leichter zu machen. Ein anderer idiotischer Truckfahrer hinter Harry zog von links auf die freigewordene rechte Spur und überholte rechts. Der arme Truck auf der Beschleunigungsspur musste bremsen....

Selbst im Kundendienst: Kein Lächeln und meistens nur kurze patzige Antworten. Das fing an bei der Dame bei der Autovermietung, der Busfahrerin in Savannah bis hin in die Restaurants. Die wenigsten Bedienungen gaben sich Mühe, ein kleines freundliches Lächeln in ihr Gesicht zu zaubern.
Kann mir das einer der Trucker unter euch auch bestätigen, oder sind wir zu verwöhnt von den Kanadiern?

Am Freitag waren wir dann die verhexte Ladung los und ich betete innerlich, dass die Firma keine neue Tour für die Rückfahrt bekam, somit könnten wir das Wochenende in der Nähe verbringen. Das Mietauto war schon gebucht, aber konnte man jederzeit stornieren...

Meine Gebete wurden erhört und Harry durfte ins Wochenende. Juhuuuu. So hatte ich es auch geplant. Für zwei Tage stiegen wir um von einem großen Schwarzen auf einen kleinen Schwarzen. Aus einem reservierten Kleinwagen gab es wieder mal ein kostenloses Upgrade auf den schwarzen Dodge. 


Wir verbrachten das Wochenende in Savannah, am Atlantischen Ozean. Es waren schwüle 30 Grad und wir hatten keine kurzen Hosen dabei. Ganz zu schweigen von Badehosen...









Savannah ist eine alte Stadt gegründet 1730. Im Gegensatz zu den westlichen Städten Kanadas hat diese Stadt richtig Geschichte. Hier fanden wir das vor, was ich z.B. auch in einer deutschen Altstadt  finden würde. In der River Street in der Altstadt befindet sich die Hafenpromenade und dort wurden in den 70er Jahren alte Lagerhäuser, die seit 100 Jahren verlassen waren, in Shops, Restaurants und Kunstgalerien verwandelt. Man läuft auf 200 Jahre alten mit Kopfsteinpflastern bedeckten Straßen.


Mal ein anderer Anblick als die Holzhäuser zu Hause: Dicke Ziegelhäuser
 







Eine Bootsfahrt gefällig?

Auch in den 22 Parks der Stadt kann man seine Zeit vertreiben. Bäume, Denkmäler, Sitzbänke und Brunnen
Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit gibt es hier auch die berühmten Südstaaten-Bäume mit dem tief hängenden Bart. Der Bart heißt "Spanisches Moos", es hat keine Wurzel und lebt von der Luft.




Ebenso kann man in der Gegend auch die Baumwollfelder bewundern.

Baumwollfeld
Baumwolle


Soooo..... Am Montag hatte Harry dann wieder eine Rückladung und die Arbeit ging wieder los...
Auf dem Rückweg fuhren wir auf dem Highway I-80 kurz am größten Truck Stop der Welt vorbei. Die Zeit reichte gerade für 1 Stunde Aufenthalt… Beim Betreten war sogar ich aus dem Staunen nicht mehr herauszubringen. Ich habe ja nicht viel für Trucks übrig, aber dieser Shop faszinierte mich. Ich kam zu der Erkenntnis: Wenn ein Schuhladen das Herz einer Frau höher schlagen lässt, wird der Chrome Shop im I-80 den Truckern Herzrasen verursachen. Sooo coool.


Dieser Truck stand IM Laden





Zu schade, dass die Zeit viel zu schnell vorbei raste. Es war viel zu kurz... Der Rest des Trips war nicht mehr so spektakulär, am Freitag lud Harry in einer Firma nördlich von Edmonton aus und es ging nach Hause ins Wochenende. Ich habe auf dieser Tour viel gesehen und erlebt und vielleicht geht es irgendwann mal nach Kalifornien? Wer weiß!